Viele Arbeitnehmer gehen krank zur Arbeit – auch mit Corona. Kommt bald das Ende der Isolationspflicht und was sagen Ärzte dazu?

Christian Beneker

Interessenkonflikte

19. Oktober 2022

Laut einer Umfrage der pronova bkk geht etwa jeder 10. Arbeitnehmer trotz (milder) Corona-Infektion und trotz der 5-tägigen Isolationspflicht zur Arbeit [1]. Insgesamt kurieren sich 72% der Arbeitnehmer nach einer Corona-Infektion nicht vollständig aus und erscheinen kränkelnd am Arbeitsplatz – so die Ergebnisse der Studie „Arbeit 2022“ vom September dieses Jahres. Im Rahmen der Studie wurden 1.200 Versicherte der bkk pronova befragt. Mit ihrem Verhalten schaffen die Arbeitnehmer im Streit um das Ende der Isolationspflicht Tatsachen.

Obwohl die Möglichkeit des Home-Office angeboten wird, erscheinen mehr als ein Drittel im Falle einer leichten Erkrankung oder Atemwegserkrankungen bei negativem Coronatest im Büro und nehmen in Kauf, die Kolleginnen und Kollegen womöglich anzustecken, so die weiteren Ergebnisse der Befragung.

Das Phänomen „Arbeiten trotz Krankheit“ bezieht sich nicht nur auf Corona-Infektionen. Gehen bei einem positiven Coronatest und mildem Verlauf „nur“ 9% der Befragten trotzdem zur Arbeit, sind es bei anderen Diagnosen ungleich mehr. Allen voran die Rückenschmerzen: Fast die Hälfte der Befragten kommen auch dann ins Büro oder in die Werkstatt, wenn sie unter Rückenbeschwerden leiden. Bei Allergien sind es 38% und bei psychischen Beschwerden 35%. Nur 8% kurieren ihren Rückenschmerz so lange aus, bis es ihnen wieder besser geht.

Isolationspflicht auf dem Prüfstand

Im Hinblick auf die Isolationspflicht bei Corona-Erkrankungen dürfte die Haltung des Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. Andreas Gassen, bei denen auf Verständnis stoßen, die krank zur Arbeit kommen. Denn Gassen unterstützt die Forderung der Bundesländer Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg, Bayern und Hessen, die 5-tägige Isolationspflicht nach einer Corona-Infektion zu kippen.

Diese Forderung sei „folgerichtig“, sagte Gassen bereits im September. Große Teile der Bevölkerung seien immunisiert. „Vor dem Hintergrund, dass wir wegen des furchtbaren Kriegs in der Ukraine und der Energiekrise ohnehin auf kritische Wochen und Monate zusteuern, droht die Gefahr, dass wir uns zusätzlich schwächen, weil wir in Deutschland an Corona erkrankte Personen auch ohne Krankheitssymptome mindestens 5 Tage nach einem positiven Testergebnis isolieren“, sagte Gassen. „Die Betroffenen fehlen dann in großer Zahl an ihren Arbeitsplätzen. Das wäre insbesondere für Bereiche der kritischen Infrastruktur fatal.“ Gassen forderte einen „Weg zurück in die Normalität“.

 
Die Menschen müssen in die Eigenverantwortung entlassen werden. Erwin Rüddel
 

In die gleiche Kerbe schlägt der CDU-Bundestagsabgeordnete und Mitglied des Gesundheitsausschusses des Bundestages, Erwin Rüddel. Auf Twitter erklärte er: „Wir müssen lernen, mit Corona zu leben. Ein Leben ohne Gängelung muss wieder Alltag werden. Die Menschen müssen in die Eigenverantwortung entlassen werden.“

Lauterbach hält an Isolationspflicht fest

In einem Appell hatten die 4 Bundesländer den Bundesgesundheitsminister Prof. Karl Lauterbach (SPD) aufgefordert, die Isolationspflicht zu beenden. Der Minister konterte auf dem Nachrichtendienst Twitter: „Wenn jetzt die Isolationspflicht fallen würde, was nicht passieren wird, käme es zu noch mehr schweren Verläufen mit Krankenhausaufenthalt. Das macht menschlich wie ökonomisch keinen Sinn.“

Dr. Gerd Herold, Beratungsarzt bei der pronova BKK, sekundiert: An der Gewohnheit vieler Beschäftigter, am Arbeitsplatz präsent zu sein, scheinen die Erfahrungen mit dem Infektionsschutz während der Corona-Pandemie nichts geändert zu haben „Doch wer sich nicht in Ruhe auskuriert, riskiert, dass Viruserkrankungen auch Herz oder andere Organe angreifen oder sich durch Medikamente unterdrückte Symptome verschlimmern.“

 
Die Corona-Isolationspflicht muss für alle Erkrankten erhalten bleiben. Marburger Bund, Landesverband Niedersachsen
 

„Die Corona-Isolationspflicht muss für alle Erkrankten erhalten bleiben“, erklärt auch der Marburger Bund, Landesverband Niedersachsen, auf Anfrage von Medscape. „Der Arbeitgeber hat die Pflicht, eine erkrankte Person und ihre beruflichen Kontaktpersonen zu schützen. Im medizinischen Bereich kommt hier nicht nur der Schutz der Kolleginnen und Kollegen vor einer Ansteckung, sondern auch der der Patientinnen und Patienten hinzu. Krankenhäuser dürfen nicht zu Orten werden, in denen Patientinnen und Patienten Gefahr laufen, sich zusätzlich zur eigentlichen Erkrankung auch noch eine Corona-Infektion zuziehen. Wer krank ist, gehört nicht an den Arbeitsplatz, sondern hat für die eigene Genesung Sorge zu tragen. Das gilt bei allen Erkrankungen, erst recht aber bei Corona.“

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